Leibniz-Forschungsverbund „Lebensmittel & Ernährung”

© ATB/A.M.Hohmann

Podiumsdiskussion auf dem GFFA

Am 20. Januar 2017 haben der Leibniz-Forschungsverbund "Lebensmittel und Ernährung" (LFV) und die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) gemeinsam eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) veranstaltet. Unter dem Titel "Vom Abwasser zum Teller: Wie kann Abwasser zur Ernährungssicherung beitragen?" trafen sich die Expertinnen und Experten, um über diese bislang unterschätzte Ressource zu beraten. Prof. Dr. Werner Kloas (Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)) als Vertreter des LFV moderierte die Podiumsdiskussion, an der außerdem Dr. Marlos de Souza (FAO Land and Water Division), Dr. Sarantuyaa Zandaryaa (International Hydrological Programme (IHP) of the United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO)), Dr. Steven N. Schonberger ( Weltbank ) und Dr. Sophie Boisson (Water, Sanitation, Hygiene Unit der Weltgesundheitsorganisation (WHO)) teilnahmen. Die kluge Nutzung von Abwasser kann einen wichtigen Beitrag zur künftigen Wasser- und Nahrungsmittelsicherheit leisten. Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer diskutierten über gesundheitliche, finanzielle und staatliche Aspekte sowie Aspekte der Sicherheit, die mit der Betrachtung dieser Ressource einhergehen. 

Um aus der Abwassernutzung entsprechende Vorteile ziehen zu können, bedarf es je nach Kontext und Umweltbedingungen vieler Überlegungen. Insbesondere in urbanen Regionen ist zunächst das Stigma, das dem Abwasser anhängt, zu überwinden. Gleichzeitig, so Dr. Zandaryaa, gilt es kulturelle und religiöse Eigenheiten zu achten. Auch in ländlichen Gegenden wird die Nutzung von Abwasser kritisch betrachtet, hier hingegen kennt man trotzdem dessen Nutzen für die Landwirtschaft. Insbesondere Frauen könnten von diesem wirtschaftlichen Aspekt profitieren, immerhin sind 70% der Kleinbauern dieser Welt Frauen. Durch die Nutzung von Abwasser könnten auch die ständig wachsenden Städte und Landwirtschaftsbetriebe eine zusätzliche, sichere Quelle zur Lebensmittel- und Wassersicherung erschließen. Diese wären somit unanfälliger für ökologische Ausnahmefälle wie Dürreperioden oder sinkende Grundwasserspiegel. Das Podium war sich einig, dass eine Kombination aus Abwassernutzung und Bewässerungssystemen das erfolgsversprechendste Konzept darstellen kann. 

Trotz aller offensichtlichen Vorteile der Abwassernutzung gilt es, etliche Hindernisse zu überwinden. Das Hauptaugenmerk liegt bei der sicheren Aufbereitung, denn unzureichend behandeltes Abwasser kann durch Faeces und Urin kontaminiert sein. Das wiederum kann zur Entstehung und Verbreitung von Krankheiten beitragen, die insbesondere bestimmte Teile einer Bevölkerung treffen würden (so zum Beispiel Kleinkinder, Alte und Kranke). Diese Sorge von Dr. Sophie Boisson der WHO wurde von den anderen Podiumsteilnehmern geteilt, die auf weitere negative Einflüsse von pharmazeutischen und chemischen Rückständen auf Umwelt und aquatisches Leben verwiesen. 

In den kommenden Jahren wird es für die Nutzung von Abwasser politische und finanzielle Herausforderungen geben. Obwohl es als potenzielle Einkommensquelle für Landwirtinnen und Landwirte angeführt wird, unterstützen derzeit die Förderungen vieler Ländern Agrarsysteme mit verschwenderischem Wasserumgang. Darüber hinaus geht der Aufbau neuer Abwassersysteme oftmals über die Kapazitäten von Landwirten und Ländern hinaus, weswegen sich diese vermehrt im privaten Sektor wiederfinden. Die Überwindung dieser Hindernisse könnte in einer fruchtbaren Kollaboration von Landwirten, Staaten und privaten Investoren bestehen. Nichtsdestoweniger ist die Politik gefragt, ihre bisherige Praxis des Umgangs mit Wasser zu prüfen und gegebenenfalls stärker auf die sparsame Nutzung dieser Ressource zu achten. Zusätzlich muss die Landwirtschaft bei der Preisgestaltung Umweltverschmutzung und Umweltbelastungen miteinbeziehen.

Das Podium diskutierte die nächsten Schritte, insbesondere in Hinblick auf unser unsicheres Klima. Dr. Schonberger stellte klar, dass Abwasser kein Notfallsystem sein könne, in dem die Wasserverwendung weitergehe, sondern vielmehr ein komplementierender Baustein nachhaltiger Wassernutzung werden müsse. In Erwartung kommender Wasserverknappung und –einschränkung brauche es innovative Wassersysteme und neue Ideen. Hydroponische Systeme wie zum Beispiel das INAPRO-Projekt, an dessen Entwicklung Prof. Dr. Kloas maßgeblich beteiligt war, sind Beispiele für nachhaltige landwirtschaftliche Wassernutzung. Eine Zukunft mit einfallsreichen und umweltfreundlichen Initiativen erweitert die Möglichkeit von 'More crops with less drops' (mehr Getreide mit weniger Tropfen)

Weitere Schritte wurden diskutiert, darunter die Rolle der Bildung, der individuellen Verbrauchermuster, die Suche nach geeigneten Getreidearten für die Abwassernutzung und Wasserfußabdrücke von Nutztieren. Dieser Wasserfußabdruck von beispielsweise Wiederkäuern gegenüber Hülsenfrüchten ist insbesondere interessant  für das aktuelle Projekt 'Protein Paradoxes' des Leibniz-Forschungsverbund "Lebensmittel und Ernährung". 

Um es mit den Worten von Dr. de Souza zu sagen: Wasser geht uns alle an und wir müssen anfangen, dieses kostbare Gut höher zu schätzen. Die sinnvolle Nutzung von Abwasser kann angesichts der rapide wachsenden Weltbevölkerung zu einem wertvollen Werkzeug der Nahrungs- und Wassersicherung werden. Obgleich der Weg hin zu vermehrter Nutzung wiederverwendeten Wassers nicht ohne Herausforderungen bleibt, lohnt sich doch die gemeinsame Anstrengung für unser aller Zukunft. 


Eindrücke vom GFFA 2017

V.l.n.r.: Prof. Dr. Werner Kloas, IGB, Vertreter des Leibniz-Forschungsverbunds "Lebensmittel und Ernährung" (Moderator), Dr. Sarantuyaa Zandaryaa, IHP der UNESCO, Dr. Sophie Boisson, WHO, Dr. Steven N. Schonberger, Weltbank, und Dr. Marlos de Souza, FAO Land and Water Division.

 

 

 

 

 

 

 

 


GFFA

Das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) ist eine internationale Konferenz, welche sich mit den zentralen Zukunftsfragen der globalen Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigt. Sie fand 2017 zum neunten Mal während der Internationalen Grünen Woche in Berlin statt. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft bekamen hier die Gelegenheit, sich über aktuelle agrarpolitische Themen im Kontext der Ernährungssicherung auszutauschen und politisch zu verständigen. Organisiert und geleitet wurde das Forum vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Kooperation mit dem Senat von Berlin, der Messe Berlin GmbH und dem GFFA Berlin e. V.

Unter dem Titel "Landwirtschaft und Wasser – Schlüssel zur Welternährung" wurden im Rahmen verschiedener Fachveranstaltungen unter anderem die Fragen diskutiert, welchen Beitrag die Landwirtschaft als großer Wassernutzer zum nachhaltigen Umgang mit der wertvollen Ressource Wasser weltweit und zur Wasserreinhaltung leisten kann, wie angesichts sich verschärfender Nutzungskonkurrenzen der Zugang der Landwirtschaft zum Wasser und somit die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrung sichergestellt und wie die Landwirtschaft ihr erhebliches Gestaltungspotenzial bei der Nutzung der Ressource Wasser in politische Prozesse auf internationaler Ebene einbringen kann.